Zusammenfassung der Vorträge und Workshops

Vorträge Freitagabend, 14.09.2018

Dominik Finkelde, München: "Jenseits des Lustprinzips: Zum Verhältnis von Genuss und Transgression in Lacans Theorie der Jouissance "

In dem Vortrag wird Lacans Begriff der Jouissance vorgestellt: in seiner historischen Genese und den Erfahrungen, die er jenseits des Freud’schen Lustprinzips abzudecken versucht: Lacans Begriff der Jouissance markiert Schmerzgrenzen gestörten Gleichgewichts, die als solche der Grundstruktur der Wirklichkeit aus der Sicht des Subjekts erst Kohärenz geben. Denn jemand kann ein glückliches Familienleben führen, mit einer erfüllenden Arbeit, Frau/Mann und Kind und vielen Freunden, kurz auf allen Ebenen sich glücklich schätzen, und doch auf eine ganz bestimmte Formation von Jouissance nicht verzichten können - alles durch eine Unscheinbarkeit (gr. „clinamen“) aufs Spiel setzen zu müssen: z.B. durch eine WhatsApp-Nachricht, Kokain-Konsum, oder ein Kinderfoto aus Thailand. - Das erwähnte Muster-Familien-Glück verdichtet sich dann erst als ein symbolisches Universum vor dieser scheinbaren Unbedeutsamkeit (dem Nacktfoto aus Thailand, den Drogen etc.), die das dasselbe Universum durchzustreichen und zu vernichten fähig ist. Sie, die Unbedeutsamkeit, mag als traumatische, übermäßig intensive Begegnung die Fähigkeit des Subjekts beeinflussen, das volle ontologische Gewicht seiner Welterfahrung erst anzunehmen. Lacans Begriff der Jouissance zielt auf diese Verwindung von Ordnung, Gesetz, Begehren und Transgression und erfährt von hier her seine Bedeutung in dem, was man die Ontologie der Psychoanalyse nennen kann.

Claus-Dieter Rath, Berlin: "Über die Grenzen des Genießens"

In dem Vortrag wird zunächst das Phänomen des Nicht-Genießen-Könnens, ein Genießen des Symptoms und das verzweifelte Genießen-Müssen im Unterschied zur Lebenslust skizziert. Von da aus führt der Referent in das komplexe Thema der Lacanschen Jouissance ein, etwa mit weiteren Differenzierungen zwischen Lust und Jouissance, der Unterscheidung verschiedener Arten von Jouissance bei Lacan, einigen ethischen Fragestellungen, dem Verhältnis zwischen Jouissance und der Sublimierung als einem der Triebschicksale, das sich von der Verdrängung wie auch von der Konversion ins Körperliche unterscheidet. 

Vorträge Samstag, 15.09.2018

Alejandra Barron, Córdoba (Argentinien): Das Genießen: fremdartiger Körper

Das Genießen, wie die meisten Lacan'schen Begriffe, impliziert ein "Dazwischen": Das Subjekt vermag sich durch symptomatische Kompromisse strukturieren, sodass dasjenige, was für die eine psychische Instanz als befriedigend, für die andere Instanz als Leiden wahrgenommen wird. Aus einer solchen Ökonomie entsteht ein sog. „Darüberhinaus“, d.h. ein “plus“. Dieses „plus“ wird jene Lust als Misere einfärben, weil sich das Genießen hier grenzwertig und übermäßig aufdrängt. – Es gibt zudem andere eindringliche traumatische Momente, wo die Überreizung des „Fleisches“ aufbricht und als “Überschuss“ gegen die schwebende Ausgewogenheit der psychischen Struktur anstürmt. Wir befinden uns dann tatsächlich auf dem Feld des Genießens. Hier ergeben sich folgende Fragen: Wie bewohnt man einen fremden Körper? Was steht es um ein entfesseltes und gleichzeitig intimes Genießen? Der Vortrag beabsichtigt also, sich an die Fragestellung des Genießens aus der Perspektive der „Produktion von Subjektivität“ anzunähern. 

Ariane Bazan, Bruxelles: "Trauma and Jouissance - A Neuropsychoanalytic Perspective (Vortrag auf Englisch)"

In the present paper, we expand the model proposed for jouissance to the case of trauma, which can be defined as what exceeds the subject’s capacity for mental integration. Empirical data in both animal models and humans show that not only rewarded or adequate actions are sanctioned by a dopamine peak and consequent sensitization (or historicization), but also a variety of unpleasant, aversive, stressful and painful events. The common denominator, then, is not the valence, but it is the event character in and by itself, i.e. the organism being taken by surprise. For these reasons, we propose that the dopamine release sensitizes in the most general, and non-valenced, way the motor behaviour proximal to the dopamine peak. In the case of trauma, any behavior, any kind of action performed, tied to the irruption of trauma, is more adequate than doing nothing, i.e. than stunning. Consequently, for both jouissance and trauma, we not simply see the dopamine release as underlying a motivational, alerting or attentional mechanism for stimuli with a reward or an aversive character, we underscore its role in historicizing what is associated with the event, i.e. in recording in the physiology of the body, the action or behaviour of the organism at the happening of the event,
independently of valence.


In other words, the body summons the subject to its history. However, biology does not dictate the mental experience of this repetition. What might then be an epistemological difference between psyche and soma? In the example of jouissance, the various elements, which are thought to constitute its physiological frame (the seeking system, the reward dopamine, the “pleasure” center and the incentive sensitization) do not have a particular reciprocal order, while in the mental perspective a temporal logic is deployed (the emerging drive, an experience of satisfaction, accumulating bodily tension and repetition compulsion). What we propose, then, to conclude is that physiological processes are inherently cyclical, besides being concerned with anatomical localization while order effects are of constitutive importance for the mental, which emancipate from tissue anatomy. In other words, the mental is a dynamical and historical reality, while the physiological is a tissue and cyclical reality.

Workshops Samstagnachmittag, 11.09.2016

Alejandra Barron, Córdoba (Argentinien): "Flicken wir es mit Draht zusammen?"

Wenn man die Diagnosen, den Mainstream-Gesundheitsdiskurs, radikale (an die Wurzeln gehende), reduktionistische, strukturalistische und sogar konzeptuelle Lektüre hinterfragt, woran orientieren wir Analytiker*innen uns dann, um eine Kur auszurichten? Es geht dann darum, Raum zu verschaffen für all das, was außerhalb des Kalküls und auch der Theorie ist. Bei dieser Praxis wird allerdings – das muss gesagt werden – nicht alles erlaubt sein oder einfach zu einer Sache der Spontaneität werden. Wie funktioniert ein „Tun ohne (zu) wissen“? Diese Frage lässt das Jonglieren des Subjekts mit seinem Genießen nicht unberührt.

Ariane Bazan, Bruxelles: On the physiology of jouissance: interpreting the mesolimbic dopaminergic reward functions from a psychoanalytic perspective (Workshop auf Englisch)

Jouissance is a Lacanian concept, infamous for being impervious to understanding and which expresses the paradoxical satisfaction that a subject may derive from his symptom. On the basis of Freud’s “experience of satisfaction” we have proposed a first working definition of jouissance as the (benefit gained from) the motor tension underlying the action which was [once] adequate in bringing relief to the drive. From a mental (metapsychological) perspective, we have proposed that Lacan’s theory deploys a logical order in which to situate jouissance (Bazan and Detandt, 2013). This temporal logic would involve (1) the emerging drive, (2) an experience of satisfaction, (3) accumulating bodily tension (upon reminiscing stimuli) and finally, (4) a repetition compulsion. We have proposed that these four logical times find an equivalence in different aspects of the mesolimbic dopaminergic system, namely (1) Panksepp’s seeking system; (2) Schultz’s reward dopamine spike; (3) Olds and Milner’s “pleasure” center; and (4) Berridge and Robinson’s incentive sensitization. On the basis of these striking reciprocal resonances, we have proposed that central dopaminergic systems
could embody the physiological architecture of Freud’s concept of the drive. We conclude that jouissance could be described as an accumulation of body tension, fuelling for action, but continuously balancing between reward and anxiety, and both marking the physiology of the body with the history of its commemoration and arising from this inscription as a constant push to act and to repeat. Moreover, it seems that the mesolimbic accumbens dopaminergic pathway is a reasonable candidate for its underlying physiological architecture.

Dominik Finkelde, München: Zur Anthropo-logie der Psychoanalyse im Werk Slavoj Žižeks

Anhand von zwei Texten des Philosophen Slavoj Žižek: „Liebe Dein Symptom wie Dich selbst" (in Auszügen) und "The Sublime Object of Ideology" (erstes Kapitel) wird Žižeks Sicht auf die Anthropologie der Psychoanalyse dargestellt und diskutiert.

Lutz Götzmann, Bad Segeberg: Psychosomatische Symptome und essentielle Depression – Spuren der Jouissance in der psychokardiologischen Praxis

In dem Workshop wird das Modell der „Achse der Psychosomatischen Totalität“ in Hinblick auf verschieden Formen der Jouissance bei psychokardiologischen und kardiologischen Erkrankungen vorgestellt. Es wird zwischen einer „weißen Jouissance“ im Rahmen der essentiellen Depression und Jouissance-Formen bei Konversionsstörungen und somatoformen Störungen differenziert und deren Relevanz für die klinische Praxis anhand von Fallbespielen verdeutlicht.

Michael Meyer zum Wischen, Berlin: Genießen und Selbstverletzung - bei Bataille, mit Lacan...

Ausgehend von einem Kommentar Batailles zu einem Fall von Selbstverstümmelung, den sein Analytiker Borel veröffentlicht hatte, können wir darüber diskutieren, wieweit Selbstverstümmelung nicht nur einer selbstdestruktiven Logik folgen muss, sondern auch Rekonstruktion von Subjektivität bedeuten kann. Wie kann Verstümmelung zu einem Sinthom im Sinne Lacans werden? Welche Rolle spielt dabei die Übertragung und das, was Geneviève Morel Verlängerung des Sinthoms nennt?

Genèvieve Morel, Paris: Über das Gesetz der Mutter - mit klinischen Vignetten (Workshop auf Französisch mit Live-Übersetzung)

In dem Workshop werden die Themen des Hauptvortrags in einer Kombination aus klinischen Darlegungen und theoretischen Ausführungen dargelegt und im Kreise der Workshop-Teilnehmer diskutiert. Der Workshop findet auf Französisch und Deutsch statt, die Beiträge werden live übersetzt.

Karl-Josef Pazzini, Berlin: Triebe. Zum Zusammenhang von Psyche und Soma – gemeinsame Lektüre und Sichtung

Gemeinsame Lektüre und Sichtung

Lektüre ausgewählter Stellen zum Trieb bei Freud und Lacan (Auswahl kann vorher zugänglich gemacht werden). Ergänzt durch die Sichtung ausgewählter Videosequenzen zur Produktion von Pornofilmen: Raphaël Siboni (Regie). (2012) Il n'y a pas de rapport sexuel. HPG, sa vie, son sexe, sa dévoration. Frankreich: Capricci; HPG (Regie, Buch, Akteur). (2014). Fils de. In Productions, HPG; Capricci (Producer). Frankreich: Cap-ricci; Hoffmann, Jens (Regie, Drehbuch). (2009). 9 to 5. Days in Porn. München Deutschland: Zorro Film.

Claus-Dieter Rath, Berlin: Wie greift die Sublimierung das Genießen auf?

In dem Workshop werden die im Vortrag erwähnten Thesen vertieft und zur Diskussion ge-stellt. Ein Schwerpunkt der Diskussion könnte die Frage bilden, inwieweit die Sublimierung - nicht als bloßer Verzicht, sondern als andere, andersartige Befriedigung - das Genießen aufgreift.

Die Themen sowohl des Vortrags wie des Workshops beziehen sich auf folgende Veröffentlichung: Rath, C.-D. (2017). „Einige Beziehungen zwischen Lacan'scher ‚jouissance‘ und Freud'scher ‚Lust‘." In: RISS. Zeitschrift für Psychoanalyse. 85, S. 22-39.

Vorträge Sonntag, 11.09.2016

Genèvieve Morel, Paris: "Jouissance et Symptôme (Vortrag französisch mit schriftlicher deutscher Übersetzung)"

In dem Vortrag bezieht sich Geneviève Morel auf die Ausführungen ihrer grundlegenden Studie „Das Gesetz der Mutter“ (2017). Ihre Vorstellung ist, dass das Gesetz nicht nur im Vater Gestalt annimmt, sondern, dass auch die Mutter ein Gesetz hervor bringt. Dieses Gesetz scheint unklarer zu sein, spricht eine Sprache von Lust und Leiden in mehrdeutigen Worten und etabliert damit eine oft verwirrende Matrix geschlechtlicher Ambiguität. Geneviève Morel stellt hier nicht zuletzt klinische Bezüge zur Jouissance und dem Sinthome her, das dem Subjekt erlaubt, die oft erdrückenden Elemente des Gesetzes der Mutter mit einer lebendigen Positionierung im Sexuellen zu verknüpfen.