Verschiedene Konzepte für die Therapie trauernder Menschen

Trauerverarbeitung ist ein Prozess und endet nicht mit dem Begräbnis des geliebten Menschen. Es ist aktive Arbeit, um das Gleichgewicht von Geist und Körper wiederzuerlangen. 

Hier in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie behandeln wir im wesentlichen Menschen, die den Verlust eines Kindes betrauern oder die der Tod eines Lebenspartners in eine belastende Lebenssituation geführt hat. Dabei handelt es sich um:

  • Verkehrsunfälle einschließlich sogenannter Disco-Unfälle
  • Suizide und Gewaltverbrechen
  • Erkrankungen der Kinder durch chronische Krankheitsverläufe, wie sie bei Krebserkrankungen, Mukoviszidose oder chronischem Muskelschwund auftreten.
  • Verluste nach chronischer Krankheit mit Pflegebedürftigkeit des Partners, die den Angehörigen bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit geführt hat
  • 
Unfalltod, insbesondere wenn der überlebende Partner selbst von dem Unfall mitbetroffen war und den Tod des Partners miterlebt hat

Pathologische Trauerreaktion

Insbesondere der Tod des eigenen Kindes konfrontiert die Betroffenen mit starken Schuldgefühlen, gleichgültig, ob Gründe dafür vorliegen. Durch verschiedene Affekte kann es dabei zu pathologischen Trauerarbeitsprozessen kommen, die eine normale Trauerreaktion überlagern. Zum Beispiel kann heftiger Ärger gegenüber dem Verstorbenen allein zurückgelassen zu werden, ursächlich sein oder die Tatsache, dass die Beziehung zum Zeitpunkt des Todes belastet war.

Zusätzliche Problembereiche

Nicht selten entwickeln Trauernde trotz Selbsthilfegruppen und therapeutischer Hilfe zusätzliche Problembereiche, die in Wechselbeziehungen zum Trauerprozess stehen. Im Berufsbereich kann das dazu führen, dass Ausweichmechanismen entwickelt werden, durch die sich der Trauerende auf seine Rolle des trauernden Menschen zurückzieht, von dem man Aktivitäten nicht erwarten kann.  Man spricht dann auch von der Ausbildung einer sekundären Identität als Trauernder. Doch Trauer ist ein hoch individueller Prozess, deren Art, Inhalt und zeitliche Abfolge bei jedem Menschen unterschiedlich verläuft. Dabei ist Trauer zunächst eine normale Reaktion auf ein schwerwiegendes Ereignis. Dies gilt es, dem Betroffenen in der Therapie spürbar zu machen.

Vor diesem Hintergrund sind folgende Aspekte bei der Behandlung trauernder Menschen von Bedeutung:

  • Psychoedukation über die normalen Anteile des Ablaufs eines Trauerprozesses, insbesondere über die Unvermeidbarkeit von Schuldgefühlen und von mehr oder weniger deutlichen aggressiven Affekten.
  • Einzelgespräche, die sich unmittelbar auf das jeweils aktuelle Trauererleben des Betroffe- nen beziehen. Diese Gespräche sind von großer Bedeutung, weil gerade nach schwerwiegenden Verlusten das soziale Laiennetzwerk der betroffenen Patienten über kurz oder lang überfordert ist, so dass das Gespräch über den Verlust nach und nach verstummt.
  • Spezifische Trauergruppen bieten wir in unserer Klinik 2x wöchentlich an, die von Mitarbeitern mit speziellen Kompetenzen geleitet werden.
  • Die Diagnostik zusätzlich vorhandener psychischer und psychosomatischer Störungen oder ungelöster Lebensprobleme ist ein wichtiger Teil in der Therapiearbeit. Ein Indikator für das Vorliegen einer solchen Komorbidität sind lang anhaltende Trauerprozesse (2 Jahre und länger), bei denen wesentliche Bewältigungsfortschritte noch nicht erkennbar sind
  • Besondere Belastungen erfährt der Trauerprozess dann, wenn der Patient durch das Verlusterlebnis traumatisiert wurde, wie dies durch eigene Mitbeteiligung bei Unfällen und auch durch erschreckende Anblicke, z.B. bei Identifizierungen Verstorbener oder auf Intensivstationen, geschehen kann. Dabei ist es wichtig, Traumafolgestörungen zu erkennen und ggf. traumazentriert zu intervenieren. 

Die Therapie

Wir erstellen ja nach Ergebnis der Dagnostik ein Gesamttherapieplan, der einerseits der Trauerproblematik der Betroffenen spürbar rechnung trägt, andererseits aber auch den festgestellten Begleiterkrankungen oder sonstigen Lebensproblemen. Dies kann eine psychopharmakologische Intervention mit Antidepressiva beinhalten, die Teilnahme an spezifischen Gruppenangeboten, wie z.B. dem sozialen Kompetenztraining, der Stressbewältigung oder der Gruppe zu berufsbezogenen Problemen und überhaupt die Teilnahme an dem aktivierenden multimodalen Programm, wie es in unserer Klinik vorgehalten wird. Im Einzelfall kann das Schwergewicht sogar darauf liegen, dass der Patient die Position als Trauernder verlassen und sich wieder seinen Lebensaufgaben zuwenden kann, wie die Wiederaufnahme der Berufstätigkeit beispielsweise oder auch die Rolle als Mutter oder Vater gegenüber weiteren in der Familie vorhandenen Kindern wieder angemessen wahrzunehmen.

Gemeinsame Therapie für Eltern

Wenn vom Verlust eines Kindes betroffene Eltern gemeinsam zur stationären Rehabilitation kommen, prüfen wir für beide individuell die Art des Umgangs mit dem Verlusterlebnis und mögliche Begleiterkrankungen. Eine besondere Entlastung kann dadurch erreicht werden, dass die unterschiedlichen Arten zu trauern und Verluste zu bewältigen, thematisiert werden. Dadurch können Spannungen zwischen solchen Partnern vermieden oder reduziert werden, die sehr unterschiedlich mit dem Verlusterlebnis umgehen. Wir versuchen dabei, der spezifischen Situation trauernder Menschen therapeutisch gerecht zu werden. Dies kann einerseits beinhalten, Trauerprozesse zuzulassen, sie in ihrer Individualität anzuerkennen und nicht zu pathologisieren. Andererseits kann es erforderlich sein, dem Patienten zu helfen seine Position als ein Mensch, der in seiner Trauer festgehalten ist, zu überwinden und sich wieder dem Leben zuwenden zu können.

Erfahrungen und Ziele

In der Regel können Patienten im rahmen einer 4- bis 6-wöchigen Rehabilitationsmaßnahme stabilisiert werden, so dass die Wiederaufnahme bzw. die Fortführung der Berufstätigkeit möglich ist. Bei durch Begleiterkrankungen und zusätzliche Lebensprobleme komplizierten Trauerprozessen gelingt es ebenfalls sehr häufig, bereits während der stationären Behandlungsphase neue Perspektiven zu eröffnen, insbesondere auch in beruflicher Hinsicht.